Briefe/Kommentare

“Ihre Anliegen sind mir wichtig!”

Die aktuelle Frage

Schadet viel Zucker? - Werden Kinder, die viel Zucker essen, wirklich zappelig?

Es ist völlig unerheblich, ob einige Kinder, die viel Zucker essen, dadurch zappeliger werden oder nicht. Mit ADHS hat dies übrigens gar nichts zu tun. Es geht vielmehr darum, dass Kinder so wenig wie möglich Zucker essen!

Natürliche Nahrungsmittel enthalten genügend Kohlenhydrate. Es ist in keinster Weise nötig, zusätzlich Zucker zuzufügen. Außer, man ist Aktionär einer der großen Nahrungsmittelkonzerne, die damit ein Milliardengeschäft machen - und zwar auf Kosten der Gesundheit unserer Kinder. Dies funktioniert über eine Werbemaschinerie und dadurch, dass wir von Süßem abhängig werden können. Dann kann nach einem „Zuckerexzess“ ein anschließend fallender Blutzuckerspiegel sehr wohl zu einem vermehrten „zappelig sein“ führen.

Ein Beispiel aus dem Tierreich: Ratten trinken natürlicherweise kein Zuckerwasser; deshalb muss man ihnen in einer langen Versuchsreihe immer konzentriertere Zuckerlösungen anbieten, um sie sozusagen hereinzulegen. Dann werden sie davon aber abhängig und reagieren sogar gierig und aggressiv, wenn sie ihren Suchtstoff nicht mehr bekommen.

Genau so wie mit Zuckerwaren verwöhnte Kinder, die an der Einkaufskasse einen Wutanfall hinlegen, wenn sie nicht noch einen süßen Riegel kriegen. Um es auf den Punkt zu bringen: Die „künstliche“ Aufnahme von Zucker ist eine der größten Gesundheitsgefahren, denen wir Kinder aussetzen.

Und dies wird von der Lebensmittelindustrie so raffiniert gemacht, dass wir Eltern das oft gar nicht mehr bemerken - und auf Nahrungsmitteln auch nicht ablesen können.

Die schlimmste Auswirkung von übermäßigem Zuckerkonsum ist Übergewicht und Adipositas mit allen ihren körperlichen Folgen wie Diabetes und psychischen Auswirkungen wie Ausgrenzung und Mobbing. Mit anderen Worten: Kinder, die viel Zucker essen, werden krank - und dies lebenslang!

Natürlich können Kinder in Maßen Süßigkeiten essen, aber nur einmal am Tag, beispielsweise nach dem Abendessen mit anschließendem gründlichen Zähneputzen, auf keinen Fall jedoch zwischendurch oder in zuckerhaltigen Getränken - und ab und zu auch einmal richtig viel wie an Weihnachten, Ostern oder Geburtstagen - dann ist „zappelig sein“ aber ein Zeichen von Freude.

(veröffentlicht in „Nürnberger Nachrichten“, Magazin am Wochenende, 19./20.08.2017)

Die aktuelle Frage

Ist mein Kind depressiv? - Wie lässt sich erkennen, ob Kinder und Jugendliche an einer ernsthaften Depression erkrankt sind oder lediglich an einer traurigen Verstimmung leiden?

Jeder kennt im Alltag Zustände, in denen man traurig, bedrückt und niedergeschlagen ist. Bei deutlicher Ausprägung und über Wochen anhaltender Verstimmung mit zusätzlichem Verlust von Antrieb, Interessen und Hoffnung sowie Ein- und Durchschlafstörungen kann von einer depressiven Verstimmung oder Depression gesprochen werden.

Eine depressive Verstimmung wird oft nicht mitgeteilt, so dass auf „äußere“ Anzeichen zu achten ist: Typisch sind ein Nachlassen bis sogar Beenden gewohnter Aktivitäten, beispielsweise im Sportverein, ein Rückzug aus sozialen Bereichen, also ein „Verkriechen im Zimmer“, sowie - bei Schülern - ein Absinken der Schulleistungen.

Depressionen, die jeden fünften Menschen treffen, können über die gesamte Lebensspanne auftreten, auch schon im Kleinkindalter. Hier zeigen sich Ausdrucksarmut, Irritabilität, Stimmungslabilität, schlechtes Essen, Selbststimulation, Anklammern, Ängstlichkeit sowie körperliche Symptome, Schlafstörungen (oft mit Alpträumen) und eine verzögerte allgemeine Entwicklung.

Eltern, die sich Sorgen machen, sollten zuerst Problem immer ernst nehmen. Denn Eltern spüren, wenn etwas nicht stimmt. Sie sollten mit den Kindern liebe- und respektvoll umgehen. Hier zahlt sich aus, ob von klein auf eine sichere Bindung und Beziehung aufgebaut wurde, auf die jetzt die Kinder vertrauen können.

Außerdem ist es gut, wenn Eltern die Sorgen offen ansprechen, also beispielsweise: „Ich habe das Gefühl, Dir geht es nicht gut, Dich bedrückt etwas“. Sie sollten bei älteren Kinder auch durchaus die Frage stellen, ob sie Gedanken haben, dass das Leben keinen Sinn mehr hat oder sich vorstellen, das Leben zu beenden.

Zudem ist es gut, wenn Eltern daran denken, dass eine große Belastung oder gar Bedrohung von Mobbing bis Missbrauch bestehen könnte, über die ein Kind nicht so leicht sprechen kann. Wichtig sind Sätze wie: „Du kannst mir alles sagen, was Dir auf dem Herzen liegt, ich werden immer zu Dir stehen, ganz gleich, was es ist“.

Darüber hinaus sollten Eltern die Augen offen halten, ob schon Drogen im Spiel sind und die Handy- und Computerspielzeiten überhand genommen haben.

Eine Depression ist eine sehr ernsthafte Erkrankung, weil sie sehr viel Leiden hervorruft. Wenn sie übersehen und nicht behandelt wird, besteht das große Risiko, dass über das ganze Leben hinweg weitere depressive Episoden folgen. Hier liegt die höchste Gefahr aller psychischen Störungen für Suizidversuche und Suizide vor. Deshalb ist eine fachärztliche kinder- und jugendpsychiatrische Diagnostik erforderlich und - je nach Ausprägung - eine entsprechende Behandlung einzuleiten. Bei gleichzeitiger Depression von Mutter oder Vater muss auch dieses Elternteil unbedingt behandelt werden.

Dabei sind als Grundbehandlung wie auch Prophylaxe eine regelmäßige Lebensführung mit ausreichendem Schlaf, viel Tageslicht, täglicher körperlicher Aktivität und sozialen Kontakten das wichtigste.

(veröffentlicht in „Nürnberger Nachrichten“, Magazin am Wochenende, 17./18. Juni 2017)

Offener Brief an die Bürgerinnen und Bürger der Stadt Erlangen:

Die ganze Stadt ein botanischer Garten

Verehrte Damen und Herren,

bei der Planung der Stadt-Umland-Bahn verstand ich lange nicht, warum zwischen Arcaden und Hauptbahnhof eine so komplizierte Strecke mit zwei engen Kurven und Höhendifferenz gebaut werden soll. Die Aussage zur Frage, ob die Bäume in der Nürnberger Straße gefällt werden müssen - „falls ja, kann die StuB auch auf der anderen Seite der Arcaden herumfahren“ - und jetzt die Landesgartenschau zeigten mir aber, worum es gehen könnte: Der „Großparkplatz“ zwischen Autobahn und Hauptbahnhof soll für eine Großinvestition hergerichtet werden.

Die Anbindung für Autos und Schienenverkehr - mit neuer StuB-Haltestelle - wäre bis auf zwei Hinternisse ideal: Die Autobahn ist ein Störenfried und in ein Naturgebiet kann nicht einfach eingegriffen werden. Hier soll nun eine Landesgartenschau als „Trojanisches Pferd“ das an die Innenstadt angrenzende und dann mit einer Brücke zum Regnitzgrund als „Erholungsbereich“ verbundene Großareal so aufwerten, dass es der Stadt einen hohen Verkaufserlös einbringt.

Ich finde, wir sollten es anders machen. Die Gebiete, in denen es noch Natur gibt, haben wir Natur sein zu lassen. Auf dem Großparkplatz - auf dem eines Tages zusätzlich eine große Sport- und Veranstaltungshalle entstehen kann - bleiben Busbahnhof und Parkplätze direkt vor der Innenstadt erhalten. Und als Alternative gestalten wir die ganze Stadt zu einem botanischen Garten. Also, keine Regnitzgrund-Großparkplatz-Landesgartenschau, dafür ein über die ganze Stadt vernetzter Garten, wobei alle Plätze, Flächen, Weg- und Straßenränder nach dem Vorbild unseres botanischen Gartens bepflanzt werden. Damit würde nicht eine Politik für Großinvestoren und große Waren- und Konsumketten zur Bebauung des Großparkplatzes gemacht, sondern eine Politik für die Geschäfte der Innenstadt und - durch eine echt grüne Stadt mit bestem Innenstadtklima - die Lebensqualität ihrer BewohnerInnen.

Bitte tragen Sie sich in die Listen für das Bürgerbegehren gegen die Landesgartenschau im Landschaftsschutz- und Biotopgebiet Regnitzgrund und auf dem Großparkplatz ein - denn diese Frage müssen Sie, und nicht der Stadtrat entscheiden!

Ihr Gunther Moll

(veröffentlicht in „Erlanger Nachrichten“, 24.11.2016)

Offener Brief an die Bürgerinnen und Bürger der Stadt Erlangen:

Von der Stadt-Umland-Bahn (StUB) zur Städte-Verbindungs-Bahn

Verehrte Damen und Herren,

die Stadtratskoalition wird mit ihrer Mehrheit in Kürze die Gründung des StUB-Zweckverbandes Nürnberg-Erlangen-Herzogenaurach beschließen und Millionen Euro an Planungskosten in Auftrag geben, obwohl das Damoklesschwert eines Bürgerbegehrens über ihren Köpfen schwebt.

Ein Bürgerbegehren kann - wie schon im Landkreis - erfolgreich sein, denn gegen die geplante Trassenführung mitten durch unsere Stadt hindurch sprechen handfeste Gründe:

  • Eine innerstädtische Neuverlegung von Schienen ist technisch überholt, nicht mehr veränderbar und vom Kosten-Nutzen-Verhältnis nicht zu vertreten.
  • Eine von den StUB-Befürwortern betonte umsteigefreie Schienenverbindung zwischen Nürnberg und Herzogenaurach muss nicht durch unsere Innenstadt führen.
  • Der von den StUB-Befürwortern vorgebrachte Punkt, nur mit der durch unsere Stadt führenden L-Trasse gebe es die nötigen Fördermittel (wobei sie selbst die Förderkriterien für falsch halten!) ist kurzfristig verlockend, im Hinblick auf die Jahrzehntelangen Millionenschweren (nicht geförderten) Unterhaltskosten aber nicht zu verantworten.
  • Eine L-Trassenführung ist zudem unnötig, da der (halbe) T-Ast nach Uttenreuth - aufgrund des Bürgerbegehrens des Landkreises - gestrichen werden musste.

Sinnvoll sind jedoch die Verlängerung der Nürnberger Straßenbahnlinie 4 bis zum Bahnhof Erlangen-Bruck sowie die Wiedereinrichtung der Aurachtalbahn zwischen Erlangen-Bruck und Herzogenaurach - und damit der Bau der kürzest möglichen direkten schienengebundenen Städteverbindung zwischen Nürnberg, Erlangen und Herzogenaurach. Damit wären eine Anbindung des Nürnberger Straßenbahnnetzes (Linie 4) an das Universitäts-Südgelände, den Siemenscampus und die S-Bahnstrecke Nürnberg-Bamberg über den Bahnhof Erlangen-Bruck sowie eine Verbindung zwischen dem Bahnhof Erlangen-Bruck und der Stadt Herzogenaurach hergestellt.

Mit diesen Schienentrassen kann ein Verkehrskonzept für den Großraum Nürnberg-Erlangen-Herzogenaurach mit einer zukunftsfähigen Kombination aus Straßenbahn, regional optimiertem Bussystem (RoBus) sowie innovativem Bus-Rapid-Transit-System (BRT) weiter entwickelt werden.

Unser entsprechender F.W.G.-Stadtratsantrag wird mit großer Wahrscheinlichkeit abgelehnt werden. Dann brauchen wir ein Bürgerbegehren, aber mit drei Wahlmöglichkeiten: (1) Ja zur StUB, (2) Nein zur StUB und (3) unsere Alternative - die Städte-Verbindungs-Bahn. Die Gründung des StUB-Zweckverbandes Nürnberg-Erlangen-Herzogenaurach lehnen wir mit aller Entschiedenheit ab.

Ihr Gunther Moll Ihre Anette Wirth-Hücking

(veröffentlicht in „Erlanger Nachrichten“, 29.10.2015)

Offener Brief an die Bürgerinnen und Bürger der Stadt Erlangen:

Erlangen - barrierefrei?

Verehrte Damen und Herren,

die Umsetzung der Völkerrechte ist die erste Aufgabe eines Politikers, die Aufhebung aller Barrieren die erste Voraussetzung persönlicher Freiheit. Völkerrechtlich durch die UN-Behindertenrechtskonvention verbrieft, muss seit Februar 2009 allen Menschen - auch in unserer Stadt - die Barrierefreiheit ermöglicht werden.

Deren Finanzierung hat zwei Seiten. Zum einen müssen alle städtischen Projekte und Baumassnahmen so weit zurückgestellt werden, bis die Barrierefreiheit hergestellt ist. Zum anderen muss der Freistaat die Hauptlast tragen. Der Herr Ministerpräsident setzte hierzu in seiner letzten Regierungserklärung (November 2013) das zeitliche Ziel: „Bayern wird in zehn Jahren komplett barrierefrei“ - und zwar im gesamten öffentlichen Raum.

2013 + 10 = 2023. Aus dieser Rechnung entstand die Idee zum Antrag der F.W.G. Erlangen - Barrierefrei 2023 schnellstmöglich umsetzen: „Sämtliche in der Zuständigkeit der Stadt Erlangen stehende Gebäude, Einrichtungen und Transportmittel werden barrierefrei ausgestattet, damit eine unbehinderte Zugänglichkeit und Mobilität für alle Bürgerinnen und Bürger mit Behinderung in der Stadt Erlangen bis spätestens Ende 2023 gewährleistet ist.“ Doch Stadtspitze und -verwaltung gelang es, diesen Stadtratsantrag nur als Kenntnisnahme den Ausschüssen vorzulegen und so als „bearbeitet“ zu beenden.

Fast ein Jahr später ergab sich eine neue Gelegenheit. Die bayerische SPD fasste im April diesen Jahres auf ihrem kleinen Parteitag einen Grundsatzbeschluss zur Barrierefreiheit. So wurde der Antrag - mit der Erweiterung: „Zur hierfür notwendigen umfassenden Mitfinanzierung des Landes fordern wir die bayerische Staatsregierung - gemäß der Regierungserklärung des Herrn Ministerpräsidenten - mit Nachdruck auf, das Landesprogramm „Bayern Barrierefrei 2023“ mit den notwendigen Mitteln auszustatten, damit ein entsprechender Landesanteil für unsere Stadt übernommen werden kann“ - erneut eingereicht, und im Juni im Stadtrat zur Abstimmung gebracht.

Hier sollte es eine klare Mehrheit geben, und nicht nur, weil die Gewährleistung eines Völkerrechtes anstand: Die stärkste Stadtratsfraktion hatte die Regierungserklärung ihres Ministerpräsidenten als Vorlage, die zweitstärkste Fraktion die Gelegenheit, ihrem Grundsatzbeschluss „Bayern barrierefrei“ Taten folgen zu lassen.

Dass dieser Antrag, der mir so am Herzen lag, aber keine Mehrheit fand - ja sogar von den Stadträtinnen und -räten von CSU, SPD, Grüner Liste und FDP ohne jede Wortmeldung geschlossen abgelehnt wurde - ist für mich Ansporn, noch stärker für die Erfüllung der Völkerrechte einzutreten.

Ihr Gunther Moll

(veröffentlicht in „Erlanger Nachrichten“, 10.07.2015)

Offener Brief an die Schülerinnen und Schüler des Marie-Therese Gymnasiums:

Eine Lehrstunde?

Verehrte Schülerinnen und Schüler des MTG,

Euer großer persönlicher Einsatz hatte keinen Einfluss auf die für Euch so enttäuschende Entscheidung. Dies war auch nicht möglich, das Abstimmungsergebnis stand schon lange fest. Stadtspitze und Rot-grün-gelbe Koalition wollten so wenig Geld wie möglich für Eure neue Sporthalle ausgeben. Dagegen hattet Ihr keine Chance.

Als Trost wurde Euch gesagt, diese Stadtratssitzung sei eine Lehrstunde der Demokratie gewesen! Habt Ihr bei den Abstimmungen gegen Euch in die Gesichter der Stadträtinnen und Stadträte geschaut? Keiner von Ihnen hat Euch in die Augen sehen können! Bei vielen war der Blick der Macht zu sehen - Wir entscheiden für unsere Interessen und über Eure Köpfe hinweg! Bei einigen gab es aber noch etwas anderes. Sie wirkten von ihrem Nein nicht überzeugt, in manchen Augen spiegelte sich sogar ein schlechtes Gewissen. Diese Stadtratsmitglieder waren gezwungen, gegen Euch zu stimmen. Nur wenige Stimmen von diesen hätten die Koalition gefährdet, und damit deren Macht vermindert.

Die Lehrstunde für Euch war deshalb folgendes: Erstens geht es um Macht. Zweitens wird die Macht von Wenigen durch das Instrument des Fraktions- und Koalitionszwangs ohne jede Rücksicht durchgesetzt. Und drittens seid Ihr nur Schülerinnen und Schüler und habt nichts zu melden.

Zweieinhalb Stunden später wurde noch der Tagesordnungspunkt Landesgartenschau behandelt. Dafür gab es sofort große Zustimmung (und unsere Gegenrede, dass wir dafür kein Geld haben, wurde nur belächelt). Mitten durch diese Gartenschau würde die Autobahn A73 führen. Zur dadurch starken Lärmbelästigung der Besucher sagte ein Mitglied der Fraktion, die Eure Wunschsporthalle zuvor für unbezahlbar gehalten hatte - Wir umbauen den Frankenschnellweg während der Gartenschauzeit dann eben auf beiden Seiten mit einer Wand. Dies ist ein Beispiel, für welche „wichtigen Dinge“ das bei Euch gesparte Geld verwendet werden soll …  

Bitte gebt trotz dieser Niederlage nicht auf, für Eure Interessen und Wünsche zu kämpfen! Wir werden wieder auf Eurer Seite sein.  

Es grüßen Euch,

Gunther Moll
Anette Wirth-Hücking

(veröffentlicht in „Erlanger Nachrichten“, 13.04.2015)

Leserbrief des Tages

Eltern, Kinder, Familien

Zwei Menschen leben, vom ersten Moment an, an dem „Kinder bekommen“ Thema wird, in gemeinsamer Verantwortung. Und sie brauchen als Eltern Zeit für Familie. Sehr viel Zeit. Ohne abgegrenzten „Schonraum“, sondern in Lebensräumen für Familien.

Wieso wird das Geschenk, Kinder zu haben, mit Einkommensverlusten gegengerechnet? Was für eine Vorstellung von Eltern, von deren Liebe und Verantwortung! Wieso muss eine „berufliche Auszeit“ erleichtert werden? Ist der Beruf das einzig Wichtige? Was für eine reduzierte Vorstellung, welcher Verlust - nicht an Einkommen, sondern an Zufriedenheit, Glück und Lebensfreude.

Beruf und Familie sind nicht vereinbar, aber beides ist gestaltbar in einer auf fast 90 Jahre verlängerten Lebenszeit. Das Zukunftsmodell ist ein gemeinsames Großziehen der Kinder durch ihre Eltern, die ihre Familie und ihre Berufe über ein- bis zwei Jahrzehnte abwechselnd oder gemeinsam in jeweiligen „Teilzeiten“ gestalten.

Gemäß der Präambel der UN-Kinderrechtskonvention, wonach „das Kind zur vollen und harmonischen Entfaltung seiner Persönlichkeit in einer Familie und umgeben von Glück, Liebe und Verständnis aufwachsen sollte“. Dies muss der Staat allen Eltern, Kindern und Familien gewährleisten.

(veröffentlich in „Die Welt“, 01.12.2010, als Kommentar zu „Mutter, Vater, Kind“ von Bundesfamilienministerin Kristina Schröder vom 26.11.2010)

Gastkommentar - Deutschland muss umdenken

Es gibt keine Behinderten

„Materie ist nicht aus Materie aufgebaut“, lautete die revolutionäre Erkenntnis der Quantenphysik. Das Grundlegende ist Form, Gestalt, Beziehung. „Es gibt keine Behinderungen mehr“, heißt die Quintessenz des Übereinkommens über die Rechte von Menschen mit Behinderungen der Vereinten Nationen.

In dieser Völkerrechtskonvention geht es um einen revolutionären Paradigmenwechsel: „Behinderung“ als solche wird nicht mehr in der betroffenen Person verankert, sondern in der Art und Weise, wie eine Gesellschaft die Besonderheiten dieser Person als eine Facette gesellschaftlicher Vielfalt und Bereicherung aufnimmt und darauf reagiert. Es gilt der Satz: Kein Mensch ist behindert, er wird höchstens behindert.

Ist das Zauberwort der Quantenphysik Potenzialität, so heißt das neue Zauberwort unseres gesellschaftlichen Lebens Diversität. Alle Lebensbereiche, Gebäude, Verkehrsmittel, Kindergärten und Schulen sind so zu bauen, zu gestalten und zu organisieren, dass sie für alle offen stehen. Es geht um eine gesellschaftliche Neuorganisation. Dies muss unser Staat völkerrechtlich verbindlich und einklagbar in den nächsten Jahren leisten – dazu hat er sich mit der Anerkennung der UN-Behindertenrechtskonvention verpflichtet.

Auch der Alltag und das Leben von Menschen mit psychischen Störungen wird sich vollständig ändern müssen. Es steht eine neue Gestaltung ihrer Lebensräume an, etwa eine für Kinder mit einer „Aufmerksamkeitsdefizitstörung“ passenden Klassengröße und Unterrichtsdauer. Aus – quantenphysikalisch gesprochen – Potenzialität muss Realität werden, die Vielfalt, Reichhaltigkeit und Menschlichkeit bedeutet, ebenso das Ende von „Sondereinrichtungen“ wie Sonder(Förder)schulen, Heimen, Anstalten und Ähnliches. Dies alles ist finanzierbar und – mehr noch – der notwendige Einstieg in eine überfällige Diskussion der Definitionen von Wachstum und Wohlstand. Denn letztlich wird unsere Gesellschaft nur überlebensfähig sein, wenn wir unwirtschaftliches, an einer aggregierten Geldgröße, genannt BIP, festgemachtes Wachstum durch Qualität des Wachstums und die Ausrichtung des Wohlstandes an der Bezugsgröße Lebensqualität ersetzen.

Es gibt keine Menschen mit Behinderungen mehr. Dieser Paradigmenwechsel ist kein Wunschtraum, keine Vision. Er wird das Leben von uns allen lebendiger, spannender, bunter und vor allem glücklicher machen.

Gunther Moll und Martin Liepe

(veröffentlicht in „Die Welt“,  27.02.2010)

Gastkommentar - Menschenrechte sind Kinderrechte

Die Würde des Kindes

Auf die Frage „Was ist ein Kind?“ könnte die Antwort lauten: „Ein Kind ist ein Mensch, der sich in der Lebensphase der Kindheit befindet.“ Diese Antwort enthält zwei wichtige Begriffe: Mensch und Lebensphase. Ein Kind ist also ein Mensch! Ein Kind bleibt zwar nicht immer ein Kind, aber immer ein Mensch!

Die Kindheit bezeichnet eine von vielen Entwicklungsphasen im Leben eines Menschen. Nach der Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen sind Kinder Menschen, die das 18. Lebensjahr noch nicht vollendet haben. Im Kinderjugendhilfegesetz der Bundesrepublik Deutschland steht: Ein Kind ist, wer noch nicht 14 Jahre alt ist. Natürlicherweise, also biologisch gesehen, endet die Phase der Kindheit mit dem Eintritt der Geschlechtsreife. Die tritt in den Industrieländern heute zwischen dem 10. und 12. Lebensjahr ein. In den menschlichen Gesellschaften unterliegt der Kindheitsbegriff also einer mehr kulturell als biologisch geprägten Betrachtungsweise. Dies bleibt nicht ohne Folgen und ist ein Grund für zahlreiche Fehleinschätzungen, wenn es darum geht, zu erkennen, was Kinder brauchen.

Was ist kindgerecht? Oder anders gefragt: Was sind Kinderrechte? Wenn Kinder Menschen sind, dann sind Kinderrechte Menschenrechte. Und Menschenrechte sind Kinderrechte. In der Kindheit werden die Grundlagen für die Entwicklung der Persönlichkeit geschaffen. Für die gesamte Spanne des menschlichen Lebens gilt: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Aber ab wann ist ein Mensch ein Mensch? Eine einfache biologische Frage, die eine einfache Antwort kennt: mit der Vereinigung von Ei und Samenzelle. Die Menschenwürde braucht sich nicht erst zu entwickeln. Niemand muss sie sich erst verdienen.

Anders sieht es mit der Persönlichkeit des Menschen aus. Diese Entwicklung ist von zahlreichen Bedingungen abhängig und verläuft daher für jeden Menschen einzigartig. In Artikel 2 des Grundgesetzes heißt es: „Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit“. Dieser Artikel ist mit Weisheit gesegnet. Denn heute wissen wir, dass die Persönlichkeit eines Menschen an seine Entwicklung gebunden ist und diese wiederum maßgeblich von seinen Lebensbedingungen abhängt. Das Recht auf die freie Entfaltung der Persönlichkeit umfasst daher den Anspruch auf den Schutz unserer Entwicklungsbedingungen von Anfang an.

Menschenrechte für Kinder umzusetzen bedeutet, die besonderen Bedingungen der Kinderzeit hervorzuheben und nach dem Stand des Wissens optimale Rahmenbedingungen für eine optimale Persönlichkeitsentwicklung unserer Kinder zu schaffen.

Gunther Moll

(veröffentlicht in „Die Welt“, 11.12.2007)